Psychotherapie
Manchmal ist eine psychische Erkrankung das erste Zeichen und der Anfang einer Gesundung.
Die Ganzheit des Menschen signalisiert: So kann es nicht weitergehen! Das Ich ist an seine Grenzen gekommen, es "kann nicht mehr", ist wie "am Ende". Seine gewohnten Möglichkeiten versagen ihm den Dienst. Leere, Ratlosigkeit stattdessen, Verwirrung, unlösbare Konflikte.
Rabbi Sussja sagte:
In der kommenden Welt wird man nicht fragen: "Warum bist du nicht Mose gewesen?" Man wird mich fragen: "Warum bist du nicht Sussja geworden?"
Kennzeichnend für alle Formen der analytischen Psychotherapie ist die Auseinandersetzung mit pathogenen und traumatischen Ereignissen und Konflikten in ihren aktuellen und unbewussten, da vergessenen lebensgeschichtlichen Erscheinungsformen. Insbesondere die unbewussten Aspekte werden berücksichtigt. Sie manifestieren sich in
> psychischen und somatischen Krankheitsbildern und -symptomen
> Träumen, Assoziationen, Phantasien, Imaginationen und Symbolen
> Beziehungsmustern
"Die Psychoneurose ist im letzten Verstande ein Leiden der Seele, die ihren Sinn nicht gefunden hat. Der Grund des Leidens ist geistiger Stillstand, seelische Unfruchtbarkeit." (C.G. Jung)
Nicht allein das Finden und das Wiedererleben der tieferen Ursachen heilt. Ausschlaggebend sind auch die therapeutische Beziehung und eine Ahnung von Sinn. Wohin verweist mich die Krankheit, was will sie von mir? Oft zeigen Träume die Spur einer Antwort: ungelebtes Leben und schöpferisches Potential, das realisiert werden will. Die spirituelle Dimension wird heute in Psychotherapie und Psychiatrie nicht mehr als illusionärer, ja, krankhafter Faktor verkannt und abgetan. Das Unbewusste des Patienten "spürt", ob sie im Therapeuten selbst lebendig ist. Manche können nur gesunden, wenn sie einen Zugang zu dieser tiefsten, tragenden Wirklichkeit in sich finden. Sie hat im eigentlichsten Sinn "mit mir selbst" zu tun, mit "wer ich bin". Sie ist "ein sicherer Ort", immateriel, doch erfahrbar. Kreative und meditative Übungspraxis und das Gewahrwerden des "Leibes, der ich bin" (Dürckheim) sind da förderlich. Mit dieser Anbindung wird "Psychotherapie" oft erst möglich.
Der psychotherapeutische Prozess ist ein dialektisches Geschehen, in dem Patient und Therapeut sich gemeinsam von den Heilungsimpulsen aus der Tiefe führen lassen. Der Patient wird vom Therapeuten nicht aktiv beeinflusst, ihm werden keine Entscheidungen abgenommen. Der Prozess ist oft zunächst ein intensives Leiden, ein Aushalten, eine Konfrontation mit Selbstentfremdung und -verkennung, mit Selbstverlust, Nichtwissen und Einseitigkeit, mit ungelösten alten Fixierungen und darin gebundenen Energien, mit Illusionen, fremden Gefühlen, die die eigenen überlagern, und mit Konflikterfahrungen, die in der unbewussten Tiefe der Seele ein verstörendes Eigenleben führen. Graf Dürckheim nannte aber den Schatten das "Licht in der Gestalt dessen, was ihm im Wege steht".
"Da nun in der Regel alle hergebrachten Begriffe und Anschauungen versagen, müssen wir zunächst den Weg der Krankheit gehen, den Irrweg, der die Konflikte noch verschärft und die Vereinsamung zur Unerträglichkeit steigert - in der Hoffnung, dass aus der Tiefe der Seele, aus der alle Zerstörung kommt, auch das Rettende wachse. Es ist, wie wenn auf dem Höhepunkt der Krankheit das Zerstörende sich in das Heilende umkehrte..." (C.G. Jung)
Die Zurücknahme der (negativen und idealisierenden) Projektionen auf die "Umwelt" macht Bezogenheit möglich. Die Seele wird gewissermassen eingesammelt; die anderen erscheinen mehr und mehr, wie sie wirklich sind, ihr Anderssein wird erträglich. In diesem ganz und gar nicht egozentrischen Sinne ist für C.G. Jung Individuation letztlich das Ziel nicht nur des Lebens, sondern auch der Therapie:
"Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden."
Psychotherapie ist ein integrativer, die Ganzheit meinender Prozess. Ihr Nahziel ist die Besserung und Heilung der aktuellen Krankheitssymptome durch Lösung der tieferen Konflikte und Abhängigkeiten und eine autonomere, selbstverantwortliche Lebensführung.